Wir haben uns mit den beiden Gründerinnen Carlotta Stoll und Nicola Stattmann unseres Startup of the Year-Finalisten unterhalten:
1. Welches Problem wollt Ihr mit OMC°C lösen?
Als Folge des Klimawandels überhitzen unsere urbanen Zentren in den Sommermonaten zunehmend und es besteht akuter Handlungsbedarf, die Klimaresilienz durch mehr Stadtgrün zu stärken. Allerdings stoßen bestehende Begrünungslösungen auf vielfältige Hürden: Versiegelte Flächen bieten kaum Wurzelraum für Bäume, den Kommunen fehlen Personal und Budget für die aufwändige Pflege von Grünanlagen und viele der alternativen Begrünungslösungen skalieren nicht ausreichend. Mit unserem saisonal bewirtschafteten, modularen vertikalen Begrünungssystem VERD° bieten wir eine flexible, einfach zu pflegende und skalierbare Lösung an, die auch an Standorten funktioniert, an denen eine Bepflanzung mit Bäumen nicht möglich ist.
2. Wer steckt hinter der Idee? Erzähle uns von euch, was Ihr bislang gemacht habt und wie es zur Gründung kam.
Wir Gründerinnen, Nicola Stattmann und Carlotta Stoll, sind Produktdesignerinnen mit langjähriger Erfahrung im Bereich Produktentwicklung und Innovation für führende Hersteller unterschiedlichster Branchen. Der Fokus unserer Arbeit vor OMC°C lag auf nachhaltiger Produktentwicklung, Leichtbau und innovativen Material-Technologie-Kombinationen. Seit 2020 beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema Stadtgrün und den Auswirkungen des Klimawandels auf urbane Räume. OMC°C wurde gegründet, um das Thema Verschattung und Klimaresilienz aus der Perspektive des Produktdesigns neu zu denken und innovative Begründungslösungen zu entwickeln, die modular, serientauglich, hoch skalierbar und in vielfachen Nutzungsszenarien einsetzbar sind. Um eine relevante und vor allem funktionierende Lösung entwickeln zu können, haben wir viele Expertinnen aus unterschiedlichsten Disziplinen um Mitarbeit gebeten. Inzwischen sind wir ein großes Netzwerk. Als schließlich klar war, dass unsere Lösung gut ist, haben wir den nächsten Schritt gewagt: Gründen, Verifizieren, Testen und Investoren gewinnen. Ein Startup werden.
3. Was sind die größten Stärken von OMC°C?
Bestehende Begrünungssysteme sind häufig projektspezifische Einzellösungen. Das modulare VERD° System von OMC°C ist von Anfang an als skalierbares Serienprodukt konzipiert. Durch den Einsatz von schnellwachsenden, einjährigen Kletterpflanzen kann ab der ersten Pflanzsaison eine große Menge schattenspendender und kühlender Biomasse produziert werden, die darüber hinaus nach der Ernte in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt wird. Durch die saisonale Bewirtschaftung entfallen zudem die Aufwände für Rückschnitt und Laubentsorgung, die speziell für die Kommunen eine hohe finanzielle und personelle Belastung darstellen. Und was wir erst im Laufe des Projekts realisiert haben: Die Anlagen schaffen nicht nur kühle Aufenthaltsräume für Menschen, sondern tragen als Teilhabitat für Insekten gleichzeitig zur Biodiversität in der Stadt bei.
4. Wie geht es mit deinem Startup weiter? Wie sehen die kurzfristigen und langfristigen Schritte aus?
Wir haben in diesem Jahr die Entwicklung der ersten Generation unseres VERD° Systems zur Marktreife abgeschlossen. Damit können wir Lösungen für die Begrünung der unterschiedlichsten urbanen Situationen anbieten: freistehende Module zur Begrünung öffentlicher Plätze oder Verkehrswege (VERD° SPACE), flexibel kombinierbare Einheiten zur Verschattung von kleineren Plätzen, Innenhöfen oder Außenbereichen von Schulen und Kitas (VERD° UNIT) sowie eine fassadengebundene Variante für die Begrünung von Gebäuden und Hallen. Unser Fokus liegt jetzt auf der Vermarktung des Systems und der Verwandlung der großen Zahl von Anfragen von Kommunen, Unternehmen, Schulen und Kitas in Projekte. Mittelfristig wollen wir unser System auch international vertreiben und müssen hierfür unter anderem unser Netzwerk an Gartenbaubetrieben, die den jährlichen „Green Service“ vor Ort leisten, erweitern. Und es soll natürlich weitere Produktvarianten und -innovationen geben.
5. Von den Höhe- und Tiefpunkten einer Gründung: Wie lautet deine größte Lessons Learned?
Bei aller Innovation, Euphorie und Geschwindigkeit sollte man mit seinem Startup unbedingt bodenständig bleiben und immer die Finanzen im Blick haben. Nicht alle Forschungsanträge gehen durch und Investorenrunden können langsamer laufen als prognostiziert. Finanzielle Unruhe verunsichert und kostet Ressourcen – es ist einfach zu schade, wenn das StartUp-projekt durch Unvorsichtigkeit scheitert.
6. Welches Buch oder Tool siehst du als ein Must-Have für Startups?
Die für uns entscheidenden Informationen haben wir tatsächlich über den Austausch mit Expert:innen aus unserem Netzwerk erhalten. Kommunikation ist somit das wichtigste Tool – sowohl im Team, im Netzwerk, in klassischer Presse und anderen Medien. Bücher haben keine so große Rolle gespielt.
7. Bitte vervollständige folgenden Satz: FrankfurtRheinMain ist für mich….
…ein lebendiger und faszinierender Lebensmittelpunkt, geprägt von dem wunderbaren Miteinander vieler Kulturen.
8. Welche spezifischen Technologien und Materialien verwendet ihr, um sicherzustellen, dass eure Begrünungssysteme sowohl langlebig als auch umweltfreundlich sind?
Nachhaltigkeit und ein niedriger CO2 Footprint sind natürlich zentrale Kriterien in unserem Forschungs- und Entwicklungsprozess. „So wenig Material, Volumen, Energie, Gewicht, Wasser, Logistik wie möglich“ – dieses Prinzip wird in der Entwicklung und Produktion aller Komponenten konsequent bedacht und berücksichtigt.
Gleich zum Start von OMC°C entwickelten wir in Kooperation mit dem Textilmaschinenhersteller Karl Mayer unsere textilen Ranknetze aus dem nachwachsenden Rohstoff Flachs. Bei der Entwicklung der Ständerwerke setzen wir auf Leichtbauprinzipien und versuchen, den Materialeinsatz maximal zu reduzieren, ohne die Stabilität und Sicherheit der Konstruktion zu gefährden. Die Konstruktion der Module besteht aus Stahl und Holz, wobei die Holzelemente (bei den freistehenden Varianten) überwiegen. Beim Stahl werden wir perspektivisch auf grünen Stahl umsteigen, sobald dieser wirtschaftlich bezogen werden kann.
9. Gibt es bereits Pilotprojekte oder Kooperationen mit Städten oder Unternehmen, bei denen ihr den Effekt eurer Technologie langfristig beobachtet?
Wir haben 2023 den ersten Prototyp einer knapp 10 Meter hohen freistehenden VERD° Anlage an einem innerstädtischen Standort realisiert, und zwar im Hinterhof des Senckenberg Naturmuseum Frankfurt. Diese Installation erlaubt es uns, die Funktionalität und Stabilität der Konstruktion unter realen Bedingungen zu überprüfen und gleichzeitig die Akzeptanz durch Nutzer:innen zu beobachten – tatsächlich hat sich der Ort wie erhofft schnell zum beliebten Treffpunkt für Studierende und Nachbarn entwickelt. Darüber hinaus werden von unseren Forschungspartnern Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (SGN) und dem Deutschen Wetterdienst (DWD) seit dem Sommer 2023 Daten zu den Effekten unseres Systems auf Mikroklima und Biodiversität erhoben. Auch die Stadt Frankfurt ist mit dabei und hat unseren Prototyp im Rahmen des Programms „Frankfurt frischt auf“ finanziell unterstützt.
Ein zweiter Prototyp wurde im Herbst 2024 an der Fassade eines großen Rechenzentrums im Osten der Stadt installiert und wird in diesem Frühjahr erstmals bepflanzt. Dies ist gerade für den Standort Frankfurt ein sehr interessantes Nutzungsszenario und wir sind gespannt auf die ersten Ergebnisse.
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